| Über die erste Probenwoche, die am 7. Juni
mit der so genannten Konzeptionsprobe begann, hat er
der Presse am 11. Juni folgendes zu Protokoll gegeben:
„Ja, nun geht es weiter. Uniform gebügelt,
Dienstvorschriften erinnert und los. Zur Kop..., Kom...,
Kotz..., na, zur Konzipationsprobe, allererste Probe
eben. Da waren sie wieder alle, die von damals, vom
Spielplatz. Und ein paar andere, die wo sind neu. Könnte
wetten, die hatten keinen Ausweis dabei. Das muss beobachtet
und demnächst Kontrolle gemacht werden weil das
ist nämlich verboten, und wie verboten das ist.
Überhaupt, wie alle so rumsaßen bei die
Konzipationsprobe, völlig unmilitärisch. Aber
ihre Vorschriften hatten sie alle dabei, die Textvorschriften,
manche sagen auch Buch dazu. Ich sorge mir, was das
soll werden. Denn in der Buchvorschrift geht´s
um
– bewaffnete Organe,
– um gefährdete Kinder und Jugendliche,
– um Eheschließung und Scheidung,
– um Trauerfeierlichkeiten ,
also alles Vorkommnisse wo man muß sehr aufpassen
und wachsam sein.
Und außerdem wahrscheinlich wieder wahnsinnig
viel verbotene Musik wo man die Gefahr im Text nicht
hört weil Tarnung mit englisch.. Ich zerbreche
mir schon den Kopf wegen der Moral und so, Sie wissen
schon.
Häuser und Straßen wo man kann kontrollieren,
haben sie noch gar nicht vorhanden.
Aber der Bühnenbildner hat eine Puppenstube mitgebracht,
vorgezeigt und alles mit einer sanften Stimme erklärt,
was war mir sehr verdächtig. Als ich bin unauffällig
ganz nah rangegangen, hab ich aber gesehen, dass das
unsere Straße ist – aber Sie können
sich einfach nicht vorstellen, wie klein in eine Puppenstube
doch so eine Telefonzelle werden kann! Wie klein da
erst eine passende Münze sein muss!
Dann haben sie Schluß mit die Erklärungen
gemacht und sind einfach aufgestanden und gegangen und
haben ganz harmlos getan , welche haben auch gelacht
und getan als ob gar nichts Gefährliches dran wäre.
Wie soll das bloß weitergehn.
Heute sind die richtigen Proben angefangen. Sie heißen
sehr schwierig weil sie sind Choriogra fische Proben.
Ein Chor war aber nicht gekommen, und Fische auch keine,
weil es geht da nicht um Singen und schwimmen sondern
um Tanzen. Um sehr schwieriges Tanzen. Es muss mit den
Füßen, den Beinen sowie Armschwenken und
Hüpfen durchgeführt werden und manchmal wird
dazu auch noch gezählt, was sehr anstrengend ist.
Als Vergleich ist eine Vormilitärische Ausbildung
ein leichter Osterspaziergang dagegen. Und es ist noch
sehr laute Musik dazu die auch noch viel zu schnell
ist.
Menschenschinder haben zwei gerufen wobei sie haben
sehr geschwitzt und geschnauft und die andern haben
nicht gerufen aber heimlich Zustimmung gegeben, wobei
ihnen ebenfalls der Schweiß gelaufen ist. Habe
ich nachgelesen über Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen und über Diktatur des Proletariats.
Wenn das wird so weitergehen, werden wir dem Choriografen,
der auch kein Chorleiter nicht ist sondern Obervortänzer,
mal zeigen müssen, was die bedeutet. Er hat auch
zweimal was falsch vorgetanzt, was alle gemerkt haben
und froh drüber waren, weil sie das zufrieden machte.
Meinen Bericht über die klassenfeindliche Musik,
die meine Kampfkraft mit einem sehr schmerzhaften Muskelkater
beeinträchtigt wurde, habe ich schon fertig. Noch
mal passiert mir so´n Ding wie mit „Moscow“
nämlich nicht, darauf könn´ Sie sich
sicher sein. Ich muß noch überlegen, ob „Like
a Rolling Stone“ was mit den Rollenden Steinen
bei den Ernteeinsätzen und Steinelesen auf den
sozialistischen Äckern zu tun hat. Denn dann hätte
das ja doch seine Ordnung. Das konnte ich beobachten
beim geselligen Beisammensein von jungen sozialistischen
Soldaten mit Werktätigen in der Landwirtschaft
in die HOG - Gaststätte „Zum langen Arm“.
Eine Tanzveranstaltung, die mich sehr hat erinnert an
meine schöne Zeit als Schallplattenunterhalter.
Die notierten Zweifel von mir an das so genannten Bühnenbild
waren sehr berechtigt. Das Armeebett (unten) brach nach
wenigen Sprüngen vom Doppelstockbett (oben) zusammen.
Dieses Bett kann also nicht echt sein weil für
den Klassenkampf völlig ungeeignet. Muß ich
weiter beobachten.
Weiter beobachtet werden muss auch das Treiben nach
den Proben in der Kantine. Da werden angeblich wahre
Begebenheiten vom Ehrendienst in der Arbeiter- und Bauernarmee
erzählt und verunglimpft, die können einfach
nicht stimmen weil sie sind verleumderisch. Kann man
wieder sehn den Einfluss von Westsendern mit englischer
Musik. Und das ist verboten! Aber wenn endlich ich besiegt
habe meinen feindlichen Muskelkater, gehe ich rum überall,
und kontrolliere endlich die Ausweise! |
Nach dem Singen und Tanzen über das
ich schon protokolliert habe, wurden wir abkommandiert
vom Oberbestimmer, der hier Intendant heißt und
auch der Reschissör ist zum Ferienmachen, Muskelkater
pflegen und Kampfkraft wieder herstellen. Hab ich gemacht
und auch nachgelesen in Klassiker und ein altes Marschierbuch
über "Ein Schritt vor und zwei Schritte zurück".
Geht aber schlecht oder ich habe mich verzählt, denn
als ich so zum Bäcker wollte, war ich eine ganze
Woche unterwegs.
Habe außerdem Anleitung wie man vorschriftsgemäß
Kontrolle macht von Ausweise im und außerhalb von`s
Grenzgebiet abgeschrieben. Steckt jetzt im Protokollbuch
für alle Fälle es kommt einer ohne oder ist
verdächtig. Denn das ist verboten. Bevor wir wieder
alle angefangen haben mit Tanzen und Singen und Text aufsagen
wurden wir belehrt, welche Gefahr von rollenden Stühlen,
brennenden Papierkörben und langen Leitungen droht
und wie wir uns dagegen schützen. Einige murmelten
immer wieder "gaaanz vorsichtig" und haben vielleicht
die drohende Katastrophe nicht richtig gesehen. Deshalb
notiere ich das in´s Protokoll, denn Arbeitsschutz
geht alle an, auch die Vorsichtigen.
Außer Kampfkraft stärken haben wir in den Ferien
auch gewartet auf schönes Wetter. Hat sich gelohnt,
es wurde richtig heiß. Leider mussten wir genau
da wieder Singen und Tanzen und Schwitzen. Wir haben die
Türen vom Raum für Proben weit gelassen auf,
so dass jetzt auch alle Schreibtischmenschen im Theater
können die verbotenen Lieder. Das muss kontrolliert
werden, denn eigentlich nach Vorschriften darf das nicht
sein.
Meine Bedenken nach Lesen der Buchvorschriften vergrößern
sich ständig. Zum Beispiel wo es geht um Bewaffnete
Organe. Der junge Genosse Maik kommt als Nachzügler
zur Volksarmee, da muss man sich wohl fragen, warum
und ob die Wehrbereitschaft damit nicht geschädigt
wird dauernd. Aber die werden ihm das schon zeigen.
Dann haben die Soldaten gelernt richtig essen gehen.
Dazu muss man nämlich antreten und wenn das Kommando
"Bestecktasche nach innen" kommt, schnell
wechseln das Behälter für Löffel, Messer
und Gabel nach innen. Das ist auch geeignet für
nichtmilitärischen Alltag, wenn man an jemanden
Besteck oder Geschirr vorbeitragen will und das nicht
richtig abgewaschen ist. Muss ich extra noch notieren.
Zu diesem Essenmarsch haben die Soldaten gesungen "Im
Regiment nebenan", aber das hat mich geführt
irre. Nebenan war nämlich keiner, nicht ein einziger,
ich habe genau gesucht. Habe den Fehler sofort vermerkt,
weil das so nicht geht. Man muss immer wissen wo das
Regiment ist, nebenan oder woanders. Sonst geht alles
durcheinander ins Grenzgebiet. Und dann war noch ein
richtiger Skandal. Der Obervortänzer, der was auch
wieder da ist von den Ferien, wollte, dass wir mit "rosa
Höschen" tanzen. Er hat dann behauptet, dass
ist nur ein Missverständnis und er wollte das wir
tanzen den Schritt der heißt "Dosado"
und er ihn genannt hat "Dosadöschen",
damit wir keine Angst haben vor dem großen Tanz.
Und keiner musste Unterwäsche anziehen. So waren
wir wieder erleichtert, aber wir müssen wachsam
bleiben. |